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Ein offener Brief an Martin Kölling, Japan-Korrespondent des Handelsblatts

Als Reaktion auf den Beitrag “Fukushima: Misstrauen als erste Bürgerpflicht” schreibt Marco Damm einen offenen Brief an Martin Kölling, Autor des Beitrags und Japan-Korrespondent für das Handelsblatt.

Sehr geehrter Herr Kölling,

In Ihrem Beitrag “Fukushima: Misstrauen als erste Bürgerpflicht” (Handelsblatt Wochenendausgabe 6./7./8. Juli 2012) schreiben Sie:

In einem Land, in dem sich die Menschen gerne um klare Aussagen herumdrücken, spricht der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss der japanischen Geschichte ungewohnt und erfrischend schnörkel- und schonungslos bittere Wahrheiten aus.

und weiter:

[..] [D]er Report ist wertvoll und beispielhaft über die Landesgrenzen hinaus. Denn die Kommission hat sich politisch nicht vereinnahmen lassen. Und anstatt plump Schuld zuzuweisen, hat der Ausschuss die Mechanismen, die zu der Katastrophe geführt haben, herausgeschält und aus der Vogelperspektive bewertet.

Der Ausschuss spricht “schonungslos bittere Wahrheiten aus [..] und anstatt plump Schuld zuzuweisen, hat [er] die Mechanismen, die zu der Katastrophe geführt haben, herausgeschält und aus der Vogelperspektive bewertet.” – ist das tatsächlich so?

Der von der zuständigen NAIIC-Kommission verfasste Report liegt sowohl im japanischen Original als auch als englisch übersetzte Fassung vor. Während die japanische Version natürlich für die Rezeption im Inland verfasst wurde, richtet sich die Übersetzung an die internationale Gemeinde, die neusten Berichten zu Folge in den nächsten Jahren ebenfalls stärker mit den Folgen des Fukushima GAUs zu kämpfen haben wird.

Meine Frage: Haben Sie,  Herr Kölling, oder einer Ihrer Kollegen einmal den Wortlaut der japanischen Fassung mit dem der englischen Fassung des NAIIC Reports verglichen?

Falls ja¹, haben Sie übersehen, dass der, an das internationale Publikum gerichtete, englische Report völlig anders formuliert ist und das Reaktorunglück ganz bequem als “made in Japan” tituliert und den Zwischenfall somit auf schwammige kulturelle Besonderheiten und Einzigartigkeiten der japanischen Obrigkeitshörigkeit, etc. schiebt? Der japanische Report enthält dagegen keinerlei “made in Japan” Formulierungen, sondern legt den Fokus viel mehr auf das zu enge Verhältnis zwischen Industrie und Politik. Auch hier ist Aussparung des “made in Japan” wohl überlegt.

Der exotische gelbe Mann aus dem fernen Osten der in seinem Gruppendenken die Autorität und seine Position im System nie Frage stellt, passt natürlich nur allzu gut in das von Stereotypen und Orientalismus geprägte Bild Japans in den westlichen Köpfen. Diesen Hebel versucht sich hier anscheinend jemand zu Nutze zu machen, um aus wirtschaftlichen und/oder politischen Gründen die wahren Ursachen für das Fukushima-Unglück erneut zu verschleiern. Kurz: Der japanischen Regierung und (Atom-)Wirtschaft ist nicht daran gelegen die Atomkraft(-anlagen) zu verteufeln, sondern das Unglück zu vermenschlichen und einer breiten, undefinierte Masse von vermeintlich autoritätsgläubigen Laien und Lakaien zuzuschreiben.

Sie fragen sich warum? Auch wenn Japan derzeit, wegen Protesten aus der eigenen Bevölkerung, den Neustart von 53 Atomreaktoren nur schwer durchsetzen kann, WILL die Wirtschaft ihre Atomanlagen in neue, energiehungrige Märkte wie Vietnam und die Türkei verkaufen. Ein allgemeines “(Unsere) Atomkraft ist gefährlich” steht diesem Vorhaben natürlich entgegen und schmälert die Gewinne der vom Export abhängigen japanischen Wirtschaft. Die unterschiedlichen Formulierungen der englischen und japanischen Reports sind NICHT zufällig gewählt worden, dahinter stehen eine japanische Atom- und Wirtschaftspolitik und eine starke Lobby. Die Ironie bleibt, dass sich, die im Report erhobenen, vermeintlichen kulturellen Spezifika der Japaner erst durch den Report bestätigt sehen – Engstirnigkeit und der Drang alles beim Alten zu belassen.

Ich appelliere deshalb an Sie und an alle anderen (Ost-)Asien- und Japan-Korrespondenten: Lassen Sie sich nicht zum Sprachrohr einer solchen japanischen (Atom-)Politik machen. Die japanische Wirtschaft ist weiterhin eng mit der Politik verflochten und folgt Ihren eigenen Interessen. Das erfordertet einen aufgeklärten und aufklärenden Journalismus. Sie als journalistischer Vertreter eines Qualitätsmediums und Japan-Korrespondent haben alle Mittel dazu – haken Sie nach!

Hochachtungsvoll,

Marco Damm

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